In d’au na - Verein will Friedrichsau kulturell wach küssen

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In d’au na - Verein will Friedrichsau kulturell wach küssen

Fr. 17.05.2019 - 10:00
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Letztes Jahr hat der Verein „Indauna“ bereits 25 Veranstaltungen im Sommer und Herbst in der Friedrichsau auf die Beine gestellt. Für Babies, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In diesem grünen Ambiente soll es ab diesem Sommer nur noch so surren und summen vor Kultur.

Eine Ausstellung mit historischen Ulmer Postkarten ist bis 26. Mai 2019 im Stadthaus zu sehen. Fotos: Stadt Ulm Archiv
 

Wer alte Ulm-Postkarten sieht, merkt schnell, auf was die Ulmer früher sehr, sehr stolz waren: Aufs Münster, klar! Noch immer… Aber auch: auf die Friedrichsau. Unter anderem auf den Au-See, auf dem sich Einheimische und Gäste seit 1811 viele Jahrzehnte lang am Wochenende im Boot herum treiben haben lassen. Die Friedrichsau war nämlich „das“ Naherholungsgebiet der Stadt schlechthin - seit der württembergische König Friedrich I., als er auch den Flugversuch des Schneiders von Ulm anschaute, den Ulmern diesen fast zwei Kilometer langen Stadtpark geschenkt hat. Das war Anfang des 19. Jahrhunderts und zunächst einmal hieß der Park „Gänshölzle“. Er wurde nach dem Vorbild eines Englischen Gartens angelegt - also einer natürlichen Landschaft nachempfunden, mit Hügeln, Wiesen, Bäumen, See. Auch heute zieht’s die Städter dorthin. Zum Joggen, Radeln, Picknicken,  Volleyballspielen, auf den Spielplatz - oder ins Ulmer Zelt, um sich Konzerte oder Kabarett anzuhören.

Der Ulmer Verein Indauna findet dennoch: Die Friedrichsau muss wach geküsst werden. Die Leute müssen wieder „in d’Au na“ - in die Au hinunter. Warum denn? Tun sie doch! Nein, finden Oxana Arkaeva und Thomas Kienle, die führenden Köpfe des Vereins, der sich vergangenes Jahr gegründet hat. Und Oxana Arkaeva lacht. Da muss sie aufklären: Zum einen biete das Ulmer Zelt zwar Kultur, aber nur für einen kurzen Zeitraum. Und: „Man muss sich das mal vorstellen: Früher gab es Geselligkeit und Kultur in der Hundskomödie, im Liederkranz und in der Teutonia!“ Dort waren gleich drei Gesangsvereine beherbergt. Direkt beieinander. „Für so eine kleine Stadt wie Ulm - eine echte Rarität.“

Und heute? Teutonia - ja der Biergarten, der ist bei schönem Wetter voll. Die Hundskomödie ist für gute Pizza bekannt…

Oxana Arkaeva, die Sopranistin mit dem auffallend roten Haar, war von 2009 bis 2015 Ensemblemitglied des Theaters Ulm. Außerdem hat sie ein Studium zum Executive Master in Arts Administration (EMAA) an der Universität Zürich absolviert. Dabei erarbeitete sie auch ein Konzept für ein Open-Air-Kulturfestival. Warum nicht auch für die Friedrichsau, dachte sie sich. Die hat Potenzial. Das „Veranstaltungsvakuum“ nach dem Ulmer Zelt  müsse unbedingt gefüllt werden.

Der Verein Indauna hat die Vision eines kulturellen Hotspots im Grünen, der Menschen aus Ulm, Neu-Ulm und der Umgebung zusammen bringt. Für jeden soll etwas dabei sein, jeder soll mit Kultur in Berührung kommen - die manchmal ehrfürchtige Distanz vor Kultur dringend abbauen.

Der Verein entwickelte ein Konzept mit Veranstaltungen zwischen Juli und September: Musikalisch, theatralisch, literarisch. Oxana Arkaeva: „Jegliche Art von Künsten.“ Gleichzeitig wolle man den anderen Veranstaltern keine Konkurrenz machen, beruhigt Thomas Kienle, CDU-Fraktionschef im Ulmer Gemeinderat. Die Friedrichsau sollen die Ulmer und Neu-Ulmer wieder mehr als besonderes Geschenk begreifen, das sie - entlang des längsten Flusses Europas - seit mehr als 200 Jahren haben. Der Verein hat letztes Jahr, gleich nach der Gründung Gas gegeben und 25 Veranstaltungen auf die Beine gestellt, mit Künstlern aus der Umgebung, Süddeutschland und Österreich. Rund 1000 Besucher kamen.

Ein großer Erfolg war der Salsa-Workshop und das Tangotanzen. Auch das Kindertheater  und das Baby-Konzert kamen gut an. Der Auftritt des afghanischen Pouya Raufyan ist Oxana Arkaeva noch immer intensiv in Erinnerung: „Das war eine besondere Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die Sprache spielte da keine Rolle, plötzlich haben alle getanzt.“ Immerhin punktuell sollen die Kulturveranstaltungen Frieden schaffen. Jazz kam bedauerlicherweise nicht so gut beim Ulmer Publikum an, berichtet die Organisatorin. Obwohl sie gedacht hatte, Jazz passe perfekt zum Frühschoppen. Es kamen nur wenige Leute.

In diesem Jahr geht’s dann im Juni in die zweite Runde. Gleich zu Beginn, am 9. Juni, wird es einen  Theaterworkshop für die ganze Familie geben mit der Schauspielerin und Pantomimen von der ADK Ulm, Barbara Schmidt. Wer an diesem Tag nicht kann: Gelegenheit Nummer zwei ist am 23. Juni.

Am 14. Juli sind die Ulmer Gesangschule „Sing it“ und der dazu gehörige Pop-Chor mit Sängern zwischen 9 und 65 Jahren unter Leitung von Barbara Frey zu Gast. Sie haben Jahre lang im Liederkranz den Schwörmontag besungen und für begeisterte Mitsänger gesorgt. Gato Sorriso heißt Grinsekatze und gibt dem Programm am 20. Juli seinen Namen: mitreißende Grooves und wummernde Beats werden die Energie und Freude des brasilianischen Sambas in die Friedrichsau transportieren. Am 27. Juli geht’s dann beim großen Bands Battle heiß her. Mit dabei: „Die Välscher“, „Sonic Flame“, „Banksters“, „Exodus“, „Andy Susimihl Superfriends“ sowie eine  Überraschungsband. Der August steht im Zeichen der Kinder: Sie sind eingeladen zu Kinderlesungen und ins Kindertheater. Zum Abschluss gibt’s ein „Kinderfestle“.

Unter dem Motto „Make Music not War“ wird Oxana Arkaeva selbst im September die Bühne betreten. Für ihren Duettabend in der Teutonia konnte sie die junge Sopranistin Maryna Zubko gewinnen, die in dieser Saison mit ihrer Wahnsinns-Arie in Lucia di Lammermoor am Theater Ulm das Publikum - wahnsinnig - beeindruckt hat. Außerdem wird eine Tragödie in fünf Akten von Karl Kraus aufgeführt, die den Titel „Die letzten Tage der Menschheit“ trägt.  Sie entstand zwischen 1915 und 1922 als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg: In 220 lose zusammen hängenden Szenen, die vielfach auf authentischen, zeitgenössischen Quellen beruhen, wird die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges dargestellt. Ende des Monats geht’s wieder heiter zu: Es heißt „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ und die Stuttgarter Mezzosopranistin Cornelia Lanz gibt Hits aus Opern und Operetten zum Besten.

Im Oktober findet ein musikalisch-literarischer Abend mit dem Autor, Regisseur, Dramaturg, Theater-, Film- und Musikkritiker Ekkehard Pluta in der Teutonia statt. Zum Abschluss gibt’s noch Baby-Konzerte für Kinder ab Null Jahren mit „#kreuzrevier“ aus Köln im Liederkranz.

Außerdem soll es wieder Tage geben, an denen Boules gespielt wird; zudem einen Tag der Freude mit Lach-Yoga, Achtsamkeitsübungen und Zumba. Zum 200. Todestag des in Köln geborenen und in Paris gestorbenen Komponisten Jacques Offenbach ist außerdem eine Veranstaltung geplant. Offenbach gilt als Erfinder der Operette und ist durch den Cancan aus Orpheus in der Unterwelt berühmt geworden. Auch auf Klavierkonzerte dürfen sich die Ulmer freuen.

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Isabella Hafner


Die Friedrichsau war beliebt bei den Ulmern und dort siedelten sich vor 200 Jahren immer mehr Vereine und sogenannte Gesellschaften an: Im Jahr 1855 gab es bereits sechs Gesellschaftsgärten: Biergärten. Ihre Gärten waren „lluminiert“ - Feuerwerke bildeten immer wieder den Höhepunkt eines Abends. Um 23 Uhr ging’s nach Hause, und zwar ziemlich pompös: Der Fischermarsch wurde gespielt, Jung und Alt zogen mit Lampions gemeinsam zurück in die Stadt. In dieser Zeit sind die „Hundskomödie”, der „Liederkranz” und die „Teutonia” entstanden. Auch die Konzertmuschel, die im einen oder anderen Au-Garten noch zu finden ist, erinnert an die Zeiten, als dort Chöre und Kapellen für Hochstimmung sorgten. Im Jahr 1852 waren durch Kiesabbau zwei Seen entstanden, der Obere und der Mittlere Au-See. Beide Seen wurden später durch einen Kanal verbunden. Wo zuvor ein Schützenhaus gestanden hatte, wurde 1910 ein Seepark-Restaurant eingerichtet. Von da aus hatte man einen direkten Blick auf den Springbrunnen mit seiner 22 Meter hohen Fontäne.