Welches Handicap?!

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Welches Handicap?!

Fr. 24.01.2020 - 12:19
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Im Erdgeschoss des Neu-Ulmer Donaucenter steckt ein ganz besonderer Supermarkt. CAP heißt er - die Abkürzung steht für "Handicap".

Marc Breuning, 24, zieht schnell Nutella, Marmelade, Bananen und Shampoo übers Band. Während die Hände der Kundin im selben Takt alles in die Einkaufstasche packen, führt sie selbst über den Kopf einer alten Frau mit Rollator ein Gespräch mit der Kundin, die dahinter wartet. Es geht um den Sohn der Einräum-Frau. Stinkfaul sei der, will aber Informatik studieren… Die andere Frau beruhigt, höflichkeitshalber.

Kassierer Marc Breuning schmunzelt, eine Etage tiefer, an seiner Kasse sitzend. Und unterbricht  dann abrupt: „12,98 Euro bitte!“ Das Geld landet in seiner Hand. „Kassenbeleg?“, „Nein, danke“, „Schönen Tag noch“ - „Ebenso!“.  Schon wieder huschen seine Hände übers Band. Greifen nach Würstchen im Glas und einer „Frau mit Herz“. Von der Rollator-Oma. Oft kommt die ältere Stammkundschaft nur wegen zwei, drei Sachen. Täglich. Das kennen Marc Breuning und seine Kollegen. Hier im Neu-Ulmer CAP-Supermarkt spielt halt das Leben. Und den Klatsch gibt’s an der Kasse. Gratis.

Während Breunings Schlange um kurz vor zwölf nicht zu versiegen scheint, eine Stornierung machen und jemandem mit der nicht funktionierenden EC-Karte helfen muss, räumen einige seiner Kollegen und Kolleginnen Regale ein. Oder putzen sie. Oder backen Semmeln auf. Oder nehmen Flaschenpfand an - wie gerade der 31-jährige Markus Wieland. Ein Kunde hatte die Klingel gedrückt und steht nun vor ihm mit einer Tasche voller Flaschen. Markus Wieland eilt herbei. Kurz darauf drückt er ihm den Pfand-Bon in die Hand.

Genervt ist Markus Wieland nur, wenn mal wieder ein Kunde Sturm klingelt an der Pfandabgabe. Oder wenn jemand durch den halben Supermarkt schreit, dass irgendwo etwas auf dem Boden liegt und die Angestellten das mal schleunigst wegräumen sollen. Das tun sie ja, aber manchmal dauere es eben zwei Sekunden, weil sie gerade die Hände voll haben. Oder wie jetzt. Da steht halt schon der nächste an der Pfandrückgabe. Mit einer einzigen Flasche. Wieland wirft sie lässig in hohem Bogen in einen großen Sack. Versenkt.

Seit zwanzig Jahren gibt es die integrativen und inklusiven CAP-Supermärkte in Deutschland. Insgesamt mehr als hundert sind es mittlerweile. Sowohl in Jungingen als auch in Neu-Ulm gibt es einen solchen Supermarkt. Er wird von den Donau-Iller-Werkstätten betrieben. Der Neu-Ulmer hat 2001 im Erdgeschoss des Donaucenter eröffnet. Hier finden - unter anderem - Menschen einen Arbeitsplatz, die ein Handicap haben: eine Lernbehinderung etwa.

Breuning und Wieland haben damit eine Stelle auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt ergattert. Wieland ist schon lange dabei: „Ich habe 2008 hier ein Schulpraktikum gemacht. Das Arbeitsklima hat mit gut gefallen; und ich brauche Bewegung - und mag es mit Leuten.“ Für viele hier wäre die Alternative eine Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt. Doch dafür sind sie geistig zu fit. Denn in den Werkstätten sind die Arbeiten einfacher - und oft einseitiger. Breuning und Wieland wollen dagegen Abwechslung und Kundenkontakt. Ähnlich geht es auch den anderen sieben Angestellten im Neu-Ulmer CAP-Markt und den sechs Nicht-Behinderten.

Die 45-jährige Cati Barbu kauft regelmäßig im Neu-Ulmer CAP-Markt ein. Sie redet gerade mit Hermann Schmid, 40, der einen Turm aus platten Kartonschachteln wegrollt. Die Produkte, die da drin waren, sind alle in den Regalen… Cati Barbu lacht. „Es ist schön, ich kenne hier alle beim Namen.“ Hermann Schmid freut sich über den Smalltalk. Dann muss er aber dringend los. Die Semmel müssen aus dem Ofen.

Achim Bürk leitet den Supermarkt. Der ausgeglichen und ruhig wirkende Mann ist mit seinen Mitarbeitern zufrieden. Es läuft alles gut. Auch wenn er weiß: Manchmal muss er etwas zwei-, dreimal erklären. Oder manches geht erstmal langsamer. „Aber ich finde es richtig toll zu beobachten, welche Entwicklung die einzelnen Mitarbeiter machen.“ Er glaubt, dass sein Supermarkt unter Umständen mehr Wärme verbreite als andere Supermärkte. „Er soll ja auch eine Begegnungsstätte sein.“ Und viele Kunden merken gar nicht, dass hier Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. „Das ist irgendwie ein Kompliment für uns.“

Doch Bürk hat auch schon Kunden erlebt, die ihren Frust abluden und respektlos wurden. „Gott sei Dank die Ausnahme.“ Vielleicht ist der ein oder andere Mitarbeiter ja sogar klüger als so mancher Kunde? Bürk: „Wir haben hier manchmal auch besonders intelligente Menschen, eine Zeit lang sogar einen Doktor der Chemie!“ Er hatte psychische Probleme. Und auch ihm gab der CAP-Markt eine Chance, endlich wieder arbeiten gehen zu können.

Aaron Burgenmeister, 33, kniet vor den Tütensuppen und zieht konzentriert den Lappen durch die Fuge der Leiste, in der die Preis-Schilder stecken. „Hier sammeln sich immer mal wieder Pulverreste. Das könnte Motten anziehen.“ Aaron Burgenmeister trägt ein rotes Polo-Shirt - das Kennzeichen dafür, dass er Praktikant ist. Er hat eine psychische Erkrankung und ist stationär in einer Sozial-Psychiatrischen Reha in Ulm untergebracht. Seit drei Jahren. Davor war er fast zwei Jahre in der Psychiatrie und ein Jahr daheim.

Täglich ist er nun fünf Stunden im CAP. Sein Arbeitstherapeut hatte ihn auf den Supermarkt hingewiesen. „Ich komme hier gut klar, die Kollegen haben mir alles super erklärt. Die fünf Stunden Arbeit geben mir Struktur und überfordern mich nicht.“ Er hofft, dass er eine Stelle bekommt. Früher arbeitete er als Gärtner. „Da bist du immer draußen - egal, ob es regnet oder stürmt. Und der Umgangston ist wie auf der Baustelle.“

Ina Cariglia, 30, schaut gerade in der Gemüseabteilung nach dem Rechten. Sie ist nicht behindert. Das Arbeiten mit ihren Kollegen macht ihr Spaß. „Die sind total pflegeleicht und reden alle ziemlich viel“, sagt sie und lacht. „Ein Indiz dafür, dass sie sich wohl fühlen. Ihre Behinderung wirkt sich nicht auf die Arbeit aus.“

Zwei Gänge weiter irrt eine Kundin verzweifelt hin und her. Aaron Burgenmeister hat das trotz seiner Konzentration aufs Putzen beobachtet und spricht sie an. Die Frau lächelt und er navigiert sie zum Lebkuchenstand. In der Obst- und Gemüseabteilung! Na da hätte sie die Lebkuchen jetzt nicht vermutet. Fast wirkt sie, als wäre es ihr peinlich. Dann sagt sie: „Wie behilflich hier immer alle sind!“ Nun lächelt Aaron Burgenmeister und huscht wieder zurück in den Tütensuppengang.

Text/Fotos Isabella Hafner

Hermann Schmid mit Kundin Cati Barbu
Hermann Schmid mit Kundin Cati Barbu

Entstehung der CAP-Märkte

1999 sollte in Herrenberg-Ziegelfeld bei Stuttgart der letzte ortsansässige Lebensmittelmarkt geschlossen werden. Rainer Knapp, der damalige Geschäftsführer der Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten GmbH (GWW), wohnte selbst am Ort und wollte das nicht hinnehmen. Er traf die Entscheidung, den Markt durch die Femos gGmbH, die Integrationsfirma der GWW, zu betreiben. Im CAP-Markt Herrenberg fanden neun Menschen Arbeit, darunter sechs mit einer Behinderung, die zuvor in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt gewesen waren. Weitere Märkte eröffneten daraufhin in Weil im Schönbuch, Calw und Malmsheim.
Dann kamen Anfragen aus ganz Deutschland.

Die „Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd eG“ (gdw süd) übernahm 2001 das Konzept und überführte es in ein Social Franchising. Noch im selben Jahr griff mit der Filderwerkstatt ein weiterer Betreiber als Franchisenehmer das Konzept auf und eröffnete einen Supermarkt. Jährlich wuchs die Anzahl der Märkte um rund zehn, heute sind es mehr als hundert in ganz Deutschland. 2008 wurde das Konzept ausgezeichnet mit dem Handels-Innovations-Preis „Deutschland - Land der Ideen“.

Der Neu-Ulmer CAP-Markt bietet auch Obst und Gemüse an, das behinderte Menschen in der Junginger Gärtnerei der Donau-Iller-Werkstätten angebaut haben.


CAP-Markt Ulm-Jungingen
89081 Ulm-Jungingen, Lehrer Str. 1 | Tel. 0731-9608-133
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 7:00-18:30 Uhr | Sa: 7:00-13:00 Uhr

CAP-Markt Neu-Ulm
89231 Neu-Ulm, Krankenhausstr. 1 | Tel. 0731-176251-12
Öffnungszeiten: Mo-Sa: 08:00-19:00 Uhr