Endlich (eine) Oma!

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Endlich (eine) Oma!

Fr. 05.06.2020 - 09:25
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Plötzlich liegt Vera Löffler mit angezogenen Beinen auf dem Teppichboden. Sie ist fast 60. Und sie liegt im Wohnzimmer einer Frau, die daneben hockt und ihr bis vor kurzem noch fremd war. Doch Charlott bestimmt eben gerade das Drehbuch...

Charlott ist zwei Jahre alt und marschiert selbstbewusst durchs Zimmer, sucht etwas. Gefunden! Mit einem Fell im Schlepptau kehrt sie zu Vera Löffler zurück, deckt sie zu. Die soll jetzt ein Nickerchen machen. Vera Löffler schließt brav die Augen.  Sie beherrscht das Kinderbespaßungsprogramm aus dem Effeff. Immer noch. Obwohl ihre eigenen Kinder schon erwachsen sind. 

Vera Löffler ist ein kostbarer Schatz. Sie hat sich zur Oma machen lassen. Die echten Großeltern von Charlott leben im Norden. 

Seit Anfang des Jahres gibt es das Projekt „Leihoma/opa“. Es wurde vom ökumenischen Besuchsdienst am Eselsberg initiiert: für Familien, die dort wohnen, aber vor Ort keine Großeltern haben - und für Großeltern, die gerne Enkel hätten. Monika Thoma, die das Projekt betreut, findet es schade, dass sich auf die große Nachfrage von Familien noch so wenig Möchtegern-Omas und -Opas gemeldet haben. Bisher konnte sie nur zwei Omas vermitteln. Opas gar keine. Dabei sei die  Nachfrage von Familien groß. „Besondere Kenntnisse braucht man nicht. Nur gerne mit Kindern zusammen sein, das sollte man wollen.“ Es werden auch Fortbildungen wie „Kess erziehen - wie viele Grenzen brauchen Kinder?“ und ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten.

Vera Löffler ist eine junge, fitte Oma, knapp 60 Jahre alt. Charlott will ihr alles zeigen. Ständig läuft sie los, holt was, drückt es ihr in die Hand. Eis essen! Macht sie. Charlott leert ein Spiel aus - verliert die Lust: Oma Vera räumt die Kärtchen mit einem Lächeln ein, ohne dabei aufzuhören, mit Charlott zu sprechen. Mutter Silvia Bank wirkt zufrieden. Schnell scheint ihre Tochter die fremde Frau ins Herz geschlossen zu haben. Auch ihre ältere Tochter, die elfjährige Christin, die gerade nicht da ist, mag die Neue. Silvia Bank: „Sie plant schon, Vera in ihren Lieblings-Kruscht-Laden im Blautalcenter mitzunehmen.“ 

Auch Vera Löffler freut sich: Endlich das Omaleben genießen! Ihre eigenen Kinder lassen sich noch Zeit mit dem Nachwuchs, sagt sie. Also hat sie sich selber um Enkel gekümmert. „Ich habe Kinder gerne, bin offen für neue Menschen.“ In der Eselsberg-Bücherei habe sie schon regelmäßig bei Bastelnachmittagen mitgeholfen. 

Vera Löfflers eigene Kinder störe nicht, dass ihre Mutter losgezogen ist, um sich fremde Kinder als Enkel auszusuchen. Im Gegenteil. „Die finden das gut, dass ich bereit bin, meine Zeit zur Verfügung zu stellen, sagen: Mach du mal mit deinen Leih-Enkelchen! Und ich kriege ja auch etwas zurück: Die Kinder kommen auf mich zu, zeigen Interesse und Zuneigung - auch die Eltern. Für beide eine Win-Win-Situation. Und ich laufe nicht grätig daheim rum“, sagt sie lachend. 

Ihrem Mann fehle nichts ohne Enkel, aber er habe Verständnis für das Bedürfnis seiner Frau. Als Opa ist er aktuell nicht einkalkuliert. „Das ist nicht seins. Er ist außerdem noch im Job. Ich dagegen habe Zeit und niemanden, der mit mir auf den Spielplatz geht. Niemanden, der mit mir malt.“ 

Jemanden zum Spielen und Malen hat sie sich also auf eigene Faust gesucht. Auf der Info-Veranstaltung des Leih-Großeltern-Projekts hat es auch gleich gefunkt. „Wir haben uns irgendwie magnetisch angezogen!“, sind sich Vera Löffler und Silvia Bank einig. Vera Löffler erzählt: „Wir gerieten gleich ins Gespräch und die Kinder sind gleich auf mich zugekommen.“ Noch am selben Tag haben sie beschlossen: „Wir probieren es.“ Seitdem ist Oma Vera etwa einmal pro Woche da. In Zukunft können die Kinder auch zu ihr kommen. Sie wohnt ja nur 15 Minuten zu Fuß.

Charlott hat einen Stuhl erklommen, greift ein Glas - es kippt, der Inhalt läuft auf den Boden. Betretener Blick. Mama Silvia Banks zeigt sich entspannt, putzt den See auf. 
Wie reagieren zwei unterschiedliche Generationen in einer Erziehungssituation? Kann das gut gehen, wenn man von außen kommt und sich vielleicht mehr zurück halten muss, als wenn es die Kinder der eigenen Kinder wären?

Vera Löffler sagt: „Eltern erziehen heute schon anders als ich früher. Ich beobachte das dann, aber bin ruhig, sage nichts. Mich einzumischen steht mir auch nicht zu. Aus dem Glas trinken ist hier zum Beispiel Gang und Gäbe. Wir hatten früher Becher mit Beschwerung, die konnten nicht so schnell kippen. Teils auch Schnabelaufsatz.“ Heute, das fällt ihr auf, würden die Kinder viel früher an die Normalität heran geführt werden. Gut oder schlecht? Das weiß sie nicht. Charlotts Mutter Silvia Bank gesteht: „Bei uns geht immer mal wieder etwas kaputt, aber das ist alles mit einkalkuliert. Charlott ist ein neugieriges Mädchen.“

Vera Löffler bekommt auch mit, dass Kinder heutzutage oft gefragt werden: Was willst du essen? „Dann zählen sie sämtliche Gerichte auf.“ So mache sie das nicht, sagt Silvia Bank, aber: „Man versucht heute eher, es seinen Kindern recht zu machen.“ Ihre Kinder hätten zum Beispiel viel mehr Spielzeug als sie selbst früher gehabt hatte. Die zweifache Mutter Silvia Bank vertraut Vera Löfflers Muttererfahrung. Und die wiederum fand es einen tollen Moment, als zum ersten Mal das besondere Wort aus dem Mund ihrer Leih-Enkel kam: „Oma“. „Das ist für mich ein Titel!“

Und! Jetzt kann sie endlich, endlich, endlich mitreden. Wenn ihre Freundinnen von ihren Enkeln erzählen. „Jetzt bin ich wieder auf dem selben Level“ Sie lacht. Und wird von hinten überfallen. 

Isabella Hafner